
Zusammengesunken sitzt er auf seinem goldenen Sessel. Die Wangen sind eingefallen, der Blick gesenkt. Die sonst so wachen Augen schauen ins Leere. Papst Benedikt XVI. (85) scheint zu resignieren, seine Hände ruhen kraftlos auf seinen Beinen. Der Heilige Vater ist gezeichnet von tiefem Schmerz und bitterer Enttäuschung.
Ein furchtbarer Skandal erschüttert derzeit den Vatikan. Es geht um Lügen, Betrug, Verschwörungen, Korruption, Diebstahl und Vertrauensbruch. Mittendrin, unendlich traurig und völlig fassungslos: Papst Benedikt XVI. Das katholische Kirchenoberhaupt erlebt gerade die schwerste Prüfungen seines Lebens. Sein engster Vertrauter, Kammerdiener Paolo Gabriele (46), hat ihn hintergangen: Er hat vertrauliche Unterlagen und Aufzeichnungen von Pabst Benedikt XVI. weitergegeben, um ihm zu schaden. Was für ein Verrat.
Denn so nah wie er kam kaum ein anderer dem Papst. Seit 2006 gehörte Paolo Gabriele, der im Vatikan nur „Paoletto“ gerufen wird, als untertäniger Diener zum engsten Kreise des Papstes. Der Kammerdiener arbeitete in Benedikts Wohnung im Apostolischen Palast und hatte Zugang zu den streng abgeriegelten Privaträumen des Kirchenoberhauptes.
Paolo Gabriele sah den Papst früh morgens direkt nach dem Aufstehen. Er bediente Benedikt bei Tisch, begleitete ihn bei allen Fahrten im Papamobil und überreichte Würdenträgern, die den Heiligen Vater aufsuchen, den Rosenkranz. Bis jetzt.
Denn am Pfingstmontag blieb sein Platz an der Seite des Papstes im Papamobil leer. Denn Paolo Gabriele sitzt jetzt in einer der drei Arrestzellen der päpstlichen Polizeiwache und wartet dort auf seinen Prozess. Der schändliche Vorwurf: Verrat am Heiligen Vater!
Der Wetterbericht hat Regen angekündigt in Rom. Ja, es scheint fast so, als würde auch der Himmel über dem Vatikan weinen wollen.
"Paolo Gabrieles Festnahme hat die Menschen hier überrascht", sagt Vatikansprecher Pater Federico Lombardi (69). "Im Vatikan kannten ihn alle, natürlich gibt es Erstaunen und Schmerz und großes Mitgefühl mit seiner Familie, die sehr beliebt ist."
Besonders die Frage nach dem Warum quält den Papst. Warum hat ihn sein Kammerdiener, ein dreifacher Familienvater, verraten? Von Intrigen und Korruption ist die Rede. Von hohen Kirchenmännern, die am Sturz unseres Papstes arbeiten. Sogar von einer Beteiligung der Mafia wird gesprochen. Es scheint so, als könnte Papst Benedikt niemandem mehr vertrauen - schon gar nicht seinem engsten Umfeld. Er selbst leidet sehr, wie sein Sprecher gesteht: "Der Papst ist schmerzlich betroffen."
Wie wird Papst Benedikt diese Krise überstehen? Schon jetzt wächst im Vatikan die Sorge um seine Gesundheit. Und um die war es noch nie gut bestellt. Bereits vor seiner Wahl zum Papst im April 2005 hatte er zwei Schlaganfälle erlitten. Dazu kommen die unerträglichen Schmerzen beim Gehen. Der Heilige Vater leidet unter Arthrose (Gelenkverschleiß), ist beim Gehen auf einen Stock angewiesen.
Doch am schlimmsten ist jetzt der seelische Schmerz. Der Schmerz, den man seinem Gesicht ansieht. Wie einsam muss sich Benedikt jetzt in Rom fühlen? Allein unter Fremden. Immer die Angst, erneut verraten zu werden. Der Einzige, dem er noch bedingungslos vertrauen kann, ist sein Bruder Georg Ratzinger (88). Aber der lebt in Deutschland...
"Was immer hilft, ist beten", sagte Papst Benedikt einmal. Jetzt, in der schlimmsten Krise seines Lebens, sollten auch wir für ihn beten.
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